Poetischer Realismus

Poetischer Realismus in der deutschen Literatur

Die literarische Strömung des poetischen Realismus umfasst ungefähr in den Zeitraum von 1850 bis 1885. Der Begriff Poetischer Realismus verwundert dabei, da Poetik und Realismus in einem scheinbaren Widerspruch zueinander stehen. Wie kann etwas gleichzeitig poetisch und realistisch sein? Um das Gemeinte besser zu verstehen, ist es hilfreich Theodor Fontanes Essay „Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848“, aufzugreifen. Darin liefert Fontane ein Bild, das den vermeintlichen Gegensatz aufschlüsselt: Er stellt sich in dieser Metapher das Leben als einen Marmorsteinbruch vor. Laut Fontane sei die Aufgabe des Dichters, seinen Stoff aus diesem Steinbruch heraus zu brechen. Der herausgeschlagene Marmorklotz allein sei jedoch noch kein Kunstwerk. Erst durch die künstlerische Arbeit, das Behauen des Steins, entstehe die Dichtung.

Schritt in die Objektivität

Diese Vorgehensweise kann man nun eben nicht objektiv nennen, denn der erste Teil ist Auswahl, der zweite Teil Gestaltung. Für die Realisten aber war der Schritt in die Objektivität dadurch gegeben, dass man sich dem konkreten Leben zuwandte. Heute würde man vielleicht sagen: „dem Leben vor der Haustür“, nicht dem Ideenreich, der Götterwelt, den Heldensagen, der bloßen Ideologie. Dies lässt sich vor allem aus der historischen Position verstehen: Der Idealismus der Klassik erschien den Realisten zu weltfremd. Anstatt reale Menschen mit ihren Fehlern zu schildern, bevölkerten personifizierte, hehre Ideen ihre Dichtung. Die romantische Poesie wiederum spielte mit immer extravaganteren Konstruktionen und Brechungen und spiegelte dabei hauptsächlich sich selbst.

Bürgerlicher Realismus-Literatur und Kultur im bürgerlichen Zeitalter 1848-1900:

Poetischer Realismus: Darstellung des  gewöhnlichen Lebens in der Novelle

In ihrem Streben nach Realismus und Objektivität versuchten die Realisten nun stattdessen, das gewöhnliche Leben darzustellen, das sich rund um sie herum entfaltete. Ihr Personeninventar stammte folglich nicht mehr aus der Hocharistokratie, sondern aus dem Bürgertum und dem Bauernstand. Das einfache Leben auf dem Land und die Natur wurden thematisiert. Die erzählende Form wurde das wichtigste Medium des poetischen Realismus. Die Novelle erreichte in dieser Epoche ihren vorläufigen Höhepunkt.

Die Sprache im Poetischen Realismus

Trotz des Pochens auf Realismus und Objektivität war die Schreibweise der poetischen Realisten ästhetisierend und sogar ausdrücklich verklärend, unter anderem durch den Einsatz von Humor. Das ist aber nicht auf negative Art zu verstehen, im Sinne einer Verschleierung bestimmter Aspekte. Vielmehr versuchten die Dichter, durch die künstlerische Bearbeitung auch das Negative zu läutern. „Das rohe Erz“ sollte in „Metall“ verwandelt werden, wie es Fontane in seinem Essay formuliert. Durch die künstlerische Gestaltung des Rohmaterials sollte schließlich ein Werk geschaffen werden, das in der Tiefe und Ganzheit der Erscheinung, „das Wahre“ aufspürt.